Verbundenheit braucht kein Gleichsein
Gedanken zum Tag der Deutschen Einheit über Spiritualität, Religion und die Freiheit, anders zu sein
Heute ist der Tag der Deutschen Einheit. Und ich denke an diesem Tag über ein Wort nach, das mich in den vergangenen Tagen sehr beschäftigt hat:
Verbundenheit.
Einheit und Verbundenheit sind für mich nicht dasselbe.
Einheit kann schnell so verstanden werden, als müssten wir einer Meinung sein, dieselben Werte teilen oder die Welt auf ähnliche Weise betrachten.
Verbundenheit kann etwas anderes.
Verbundenheit hält Unterschiede aus.
In den vergangenen Tagen durfte ich eine Fortbildung zu Spiritual Care mitgestalten. Wir haben uns intensiv mit Trost, Hoffnung, Kraftquellen und der Frage beschäftigt, was Menschen in schwierigen Lebenssituationen trägt.
Dabei wurde auch deutlich, wie unterschiedlich wir bereits den Begriff Spiritualität verstehen.
Für den einen Menschen ist es Gott.
Für einen anderen die Natur. Für einen dritten Musik. Vielleicht ist es die Familie, eine Freundschaft, eine Erinnerung, ein besonderer Ort oder das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein.
Und vielleicht besteht Verbundenheit gerade nicht darin, dass wir uns auf dieselbe Kraftquelle einigen.
Sondern darin, dass wir dem anderen seine lassen.
Spiritualität kann religiös sein – sie muss es nicht sein
Dieser Satz ist mir in den vergangenen Tagen besonders wichtig geworden.
Ein Mensch darf sagen:
„Mit Gott kann ich nichts anfangen.“
Und ein anderer darf sagen:
„Mein Glaube trägt mich.“
Keiner von beiden sollte sich dafür rechtfertigen müssen.
Für mich bedeutet weltanschauliche Offenheit deshalb nicht, Religion aus Spiritualität auszuklammern. Ebenso wenig bedeutet sie, einem Menschen religiöse Vorstellungen nahezulegen, die nicht seine sind.
Weltanschauliche Offenheit funktioniert für mich in beide Richtungen.
Sie bedeutet für mich vielmehr, neugierig zu bleiben:
Was gibt diesem Menschen Halt?
Gerade in der Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen erscheint mir das wesentlich.
Nicht meine Vorstellung davon, was trösten sollte, zählt. Nicht das, was mir persönlich Hoffnung gibt, muss auch einem anderen Menschen Hoffnung geben.
Vielleicht brauchen wir deshalb viel häufiger Fragen als Antworten:
Was trägt Sie? Was gibt Ihnen Halt? Womit fühlen Sie sich verbunden? Was lässt Sie hoffen?
Und dann: zuhören.

Was uns die Natur darüber erzählen kann
Vielleicht können wir etwas davon auch in der Natur entdecken.
Unterschiedliche Pflanzen wachsen nebeneinander, jede auf ihre Weise. Manche brauchen viel Licht, andere gedeihen im Schatten. Manche fallen sofort ins Auge, andere bleiben beinahe unscheinbar.
Und dazwischen können Zeichen stehen, die für manche Menschen eine tiefe Bedeutung haben – und für andere vielleicht nicht.
Sie müssen nicht für alle dasselbe bedeuten, um ihren Platz haben zu dürfen.
So empfinde ich es auch beim Glauben, bei Spiritualität und bei unseren ganz persönlichen Kraftquellen.
Was dem einen Menschen Halt gibt, muss den anderen nicht tragen. Was für mich Bedeutung hat, kann für mein Gegenüber bedeutungslos sein. Und etwas, womit ich selbst wenig anfangen kann, kann für einen anderen Menschen lebenswichtig sein.
Vielleicht ist genau das eine Form von Verbundenheit:
Den eigenen Wurzeln treu zu bleiben und gleichzeitig anzuerkennen, dass ein anderer Mensch seine Wurzeln woanders haben kann.
Nicht Gleichsein. Sondern Seinlassen.
Vielleicht wünsche ich mir deshalb gerade am Tag der Deutschen Einheit nicht, dass wir Menschen einheitlicher denken oder fühlen.
Ich wünsche mir etwas anderes:
Dass wir verbundener werden, ohne die Unterschiede des anderen beseitigen zu wollen.
Dass Gott für den einen Gott sein darf. Dass die Natur für einen anderen Kraftquelle sein darf. Dass Musik einen Menschen tief berühren darf – und einen anderen nicht. Dass jemand glauben darf. Und jemand nicht glauben darf.
Dass wir einander fragen, was uns gut tut.
Und dass wir einander zuhören, auch wenn die Antwort nicht unsere eigene wäre.
Vielleicht beginnen Toleranz und Respekt genau dort: dem anderen seine Überzeugung zu lassen, ohne sie selbst teilen zu müssen.
Vielleicht beginnt Verbundenheit genau dort: Nicht beim Gleichsein. Sondern beim Seinlassen.






Genau so stelle ich mir Verbundenheit vor, in der Partnerschaft, in der Familie, zwischen der Völkern und Nationen. Ein traumhafter Weg zum Frieden für alle: SEINLASSEN!!!